American Psycho: Heute noch so relevant wie damals?

Christian Bale: Mit dem preisgekrönten Schauspieler bringen viele vor allem die dunkle Fledermaus, die über Gotham City wacht, in Verbindung. Doch nicht nur für seine Darstellung des Batman in der The Dark Knight-Trilogie ist Christian Bale bekannt. Noch vor seiner Heldenkarriere brillierte er als narzisstischer Yuppie in American Psycho, dessen Buchvorlage lange als unverfilmbar galt. Seine Darstellung des psychopathischen Patrick Bateman rief gespaltene Reaktionen hervor. Schockierend und absurd, emotional und doch gefühlskalt – unterschiedlicher konnten die Reaktionen gar nicht sein. Was jedoch häufig positiv hervorgehoben wurde, ist die soziale Kritik die dem gesamten Film letztlich zugrunde liegt.

Gerade bei der fiktiven Figur des Patrick Bateman und der mit ihm gezeigten Gesellschaft ist mir aufgefallen, wie aktuell und gesellschaftlich relevant dieser Film auch heutzutage noch ist. Zu diesem Zweck gebe ich euch erst eine kurze Zusammenfassung von American Psycho, bevor ich mich etwas näher mit der Buchvorlage, dem Entstehungsprozess und letztlich mit der Zeitkritik auseinandersetze.

Der jetzt folgende Artikel ist primär für Leute gedacht, die den Film schon gesehen haben. Also für alle: Es folgen jetzt Spoiler!

Zusammenfassung von American Psycho

American Psycho ist eine Filmadaption aus dem Jahr 2000, die die Handlung des gleichnamigen Buches auf die Leinwand bringt. Darin geht es um den Protagonisten Patrick Bateman, einen Investmentbanker, der in New York lebt und ein ziemlich oberflächliches Leben führt. Bateman ist ein Vorzeige-Yuppie der 80er Jahre, dem es nur um seinen sozialen Status, teure Anzüge und Reservierungen in den angesagtesten Restaurants geht. Sobald er sich und seine gesellschaftliche Stellung bedroht sieht oder sich von Außenstehenden erniedrigt fühlt, schreckt er selbst vor brutalen Morden nicht zurück. Im Laufe der Handlung wird deutlich, dass Bateman sich selbst und sein Umfeld zutiefst verabscheut. Er driftet nach und nach in den Wahnsinn ab, bis die Handlung in einem umfassenden Geständnis seinen Höhepunkt findet. Doch anstatt Konsequenzen für seine Taten fürchten zu müssen, erkennt Bateman, dass die gesamte Gesellschaft die Augen vor seinen brutalen Morden verschließt. So bleibt am Ende offen, ob das Gesehene tatsächlich so stattfand und was sich nur in seiner Fantasie abgespielt hat.

Filmischer Entstehungsprozess

Zum Verständnis: Der Roman American Psycho von Autor Bret Easton Ellis erschien bereits 1991 und sorgte für einige Furore. Aufgrund der sehr detailliert beschriebenen und ausufernden Gewaltdarstellungen galt der Stoff lange Zeit als unverfilmbar, weshalb es auch ganze 8 Jahre von dem Erwerb der Filmrechte bis zum fertigen Film dauerte. So sind im Laufe der Zeit immer wieder neue Namen für Drehbuch, Regie und Hauptrollen im gesamten Produktionsprozess gefallen. Neben Edwart Norton (Fight Club) waren auch Leonardo DiCaprio oder Brad Pitt im Gespräch für die Hauptrollen; Die Wahl fiel letztendlich jedoch auf Christian Bale, der zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich kleinere Nebenrollen spielte. Mit American Psycho wurde er einem breiteren Publikum bekannt – nicht zuletzt deshalb, weil er seinen Körper für die Rolle des Patrick Bateman in Hochform brachte. Heutzutage ist Christian Bale gerade dafür berühmt, körperliche Veränderungen in Kauf zu nehmen, wenn es die Rolle vorsieht. So magerte er sich für den Film The Mechanist stark ab, nur um ein Jahr später in Batman Begins mit einem durchtrainierten Körper vor die Kamera zu treten.

Was ich ganz witzig fand: Zur Vorbereitung hat sich Christian Bale laut eigener Aussage an dem Schauspieler Tom Cruise orientiert. Er sah sich nämlich die Talkshow von David Letterman an, in der Tom Cruise zu Gast war und war fasziniert von der „intense friendlyness with nothing behind the eyes“ von Tom Cruise. Er fand das sehr passend für Bateman und orientierte sich fortan an seinem Schauspielerkollegen.

So viel erst einmal zum filmischen Rahmen; Natürlich gibt es noch andere Schauspieler wie Jared Leto, Willem Dafoe oder Resse Witherspoon die in dem Film mitwirken, jedoch spielen diese Figuren untergeordnete Rollen neben dem narzisstischen Patrick Bateman. Deshalb will ich mich hier auf diesen konzentrieren und die Handlung in die heutige Zeit einordnen.

Patrick Bateman: Ein Narzisst wie er im Buche steht

Man muss nur die ersten Minuten des Film schauen, um zu erkennen, dass Patrick Bateman eine Persönlichkeitsstörung hat; Neben seiner wirklich sehr ausführlichen morgendlichen Pflegeroutine (die er uns auch peinlich genau erklärt) legt er extrem viel Wert auf sein Äußeres. Er gibt sich nur mit seinesgleichen ab, das heißt mit seinen Arbeitskollegen und deren Partnerinnen. Besonders bezeichnend ist hier seine fehlende Identität: In den ersten Szenen sagt er bereits über sich selbst, dass es für ihn kein wahres Ich gibt, es gibt nur eine Illusion eines Patrick Batemans. Dieses Bild setzt sich den gesamten Film über fort. Das erkennt man an der Tatsache, dass Bateman immer mal wieder mit anderen Arbeitskollegen verwechselt wird. Zusätzlich wird an keiner Stelle deutlich, was ihn einzigartig macht. Etwas was ihn von seinen Arbeitskollegen deutlich unterscheidet und ihm eine Persönlichkeit gibt, ist einfach nicht vorhanden. Natürlich könnte man hier die von ihm begangenen Morde aufführen, aber für was stehen diese wirklich, wenn es am Ende offen ist, ob diese real waren oder nicht? Die Morde drücken letztlich seine narzisstische Störung aus: Er hält sich für etwas Besonderes, besitzt jedoch den gleichen Beruf wie seine Kollegen. Das erkennt man vor allem in der Szene, in der sich Bateman und seine Kollegen gegenseitig ihre Visitenkarten zeigen. Alle haben die selbe Jobbezeichnung mit der selben Telefonnummer , sogar das Design der Visitenkarten selbst unterscheidet sich – wenn überhaupt – minimal. Bateman erwartet stets eine bevorzugte Behandlung, sei es bei Reservierungen in Restaurants oder der Einlass bei extravaganten Partys. Zudem verhält er sich bei all seinen menschlichen Beziehungen völlig empathielos: seine Verlobte ist ihm vollkommen gleichgültig, auch seiner Affäre gegenüber zeigt er sich emotionslos und kalt. Wenn er Gefühle zeigt, sieht man nur Neid, Wut, Gier oder Abscheu.

Im Allgemeinen versucht er sich durch materielle Dinge zu profilieren. Teure Anzüge, kostspielige Restaurantbesuche und exklusive Partys sind ihm sehr wichtig. Besonders bezeichnend sind die Szenen, in der er sich vorstellt: Noch bevor seinem Namen oder seines Alters nennt er die Adresse seiner Wohnung. Diese macht seiner Meinung nach also mehr von seiner Person aus, als er selbst oder seine Interessen.

Apropos Interessen: Hier könnt man bei ihm die Musik anführen, da er gerade während er die Morde begeht, über unterschiedliche Lieder und Künstler philosophiert. Dabei holt er stets ausschweifend aus und interpretiert die Stücke bis ins kleinste Detail. Fraglich ist dabei, ob er sich denn tatsächlich aus seinem eigenen Interesse darüber informiert oder das nur macht, um sich in die Gesellschaft einzufügen. Ich glaube eher an letzteres, denn es ist schon auffällig, dass die von ihm genannten Dinge zu den zu dieser Zeit aktuellen Hits und Charts passen und eher auswendig gelernt klingen. Er zeigt dabei genauso wenig Emotion wie sonst, sondern nutzt die musikalische Untermalung eher als Stilmittel, um seine Morde wie ein Theaterstück zu inszenieren.

Auch die Auswahl der einzelnen Lieder ist hier keineswegs Zufall: Der Titel „Sussudio“ von Phil Collins ist ein reines Fantasiewort, wie der Sänger auch selbst zugibt. So kann die gesamte Szene als Sinnbild einer Gesellschaft ohne Bedeutung interpretiert werden: Menschen interessieren sich nicht für die anderen, ihre Identitäten sind leicht austauschbar und sie tun für Geld letztlich alles.

An anderer Stelle schwärmt Bateman von der Band „Huey Lewis and the News“ und deren Song „Hip to be square“, der sich mit den Freuden der Konformität und der Bedeutung von Trends beschäftigt. Das ist ein ganz klarer Bezug auf die Mentalität der damaligen Zeit: In der Gesellschaft gehen die Individuen unter und werden zu einer gesichtslosen Masse ohne eigene Persönlichkeit.

Eine Gesellschaft voller Ignoranz

Im gesamten Film wird immer mal wieder leicht angedeutet, dass die Gesellschaft aktiv die Augen vor Patrick Batemans Morden verschließt. Das zeigt sich zum Beispiel in der Szene, als Bateman die Leiche von Paul Allen verschwinden lassen will, dabei von einem Kollegen angesprochen wird, dieser jedoch nur den wunderschönen Kleidersack (in dem sich die Leiche befindet) bewundert. Ein anderes Beispiel: Man sieht, dass Bateman das Apartment von Paul Allen als Ort seiner Morde nutzt; ein Tag später ist es jedoch komplett renoviert und eine Maklerin bietet dieses zur Vermietung an. Bateman ist davon selbst völlig verwirrt: Wo sind die ganzen Leichen und Blutflecken hin? Die Maklerin gibt ihm jedoch deutlich zu verstehen, dass er keine Schwierigkeiten machen soll und bittet ihn, zu gehen. Das suggeriert dem Zuschauer, dass sie genau weiß, was in der Wohnung vorgefallen ist und diese Tatsache bewusst vertuscht. Sie steht hier sinnbildlich für die gesamte Gesellschaft, die die Augen lieber vor schrecklichen Dingen verschließt und sogar versucht, aus all dem noch Profit zu schlagen.

Den Höhepunkt findet die Handlung letztlich in einem umfassenden Geständnis Batemans gegenüber seinem Anwalt. Nach wahllosen Morden auf offener Straße flieht er vor der Polizei in sein Büro. Dort angekommen spricht er seinem Anwalt auf die Mailbox und wir erfahren von viel mehr Verbrechen, als nur diejenigen, welche wir im Film gesehen haben. An dieser Stelle ist Bateman komplett dem Wahnsinn verfallen. Unter Tränen scheint er von seinem eigenen Taten angewidert zu sein und kann das Ausgesprochene selbst kaum fassen. Nach dem Telefonat verschwinden die Polizeisirenen im Hintergrund und Bateman atmet auf. Er ist bereit die Konsequenzen seines Tuns zu tragen und scheint sogar ein wenig erleichtert darüber zu sein. Wie wir jedoch in der letzten Szene sehen, findet Bateman keine Erlösung. Sein Anwalt hält die ganze Nachricht nur für einen Scherz und besteht darauf, vor kurzem mit dem von Bateman anfangs getöteten Paul Allen noch essen gewesen zu sein. In der letzten Einstellung sehen wir hinter Bateman den Schriftzug: „This is not an exit.“, was sinnbildlich für Batemans Leiden steht. Der Film endet und lässt den Zuschauer im Ungewissen; Was war von Bateman nur eingebildet und was tatsächliche Realität? Die von Bateman erhoffte Erlösung mit seinem Geständnis bleibt ihm komplett verwehrt.

American Psycho im heutigen Kontext

Bei seiner gesamten Darstellung als wohlhabender Yuppie in New York, musste ich immer wieder an unsere heutige Zeit und die sozialen Medien denken. Patrick Bateman wäre ein perfekter Kandidat für eine Plattform wie Instagram, Facebook oder sogar Tinder: Er liebt es, sich selbst zur Schau zu stellen und sich in den besten Kreisen zu bewegen. Patrick Bateman stellt für mich mit seinen teuren Anzügen und seinem Drang der Selbstdarstellung die Verkörperung von Kapitalismus dar.

American Psycho ist dabei ein Film, der sich einerseits für eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit den 80er Jahren eignet, sich aber andererseits auch auf die heutige Zeit übertragen lässt. Was macht eine Person aus? Wodurch definieren wir uns? Ist es möglich aus den bekannten Strukturen auszubrechen, um sich selbst zu finden?

This is not an exit“ sind die letzten Worte des Buches und auch im Film wird deutlich, dass es aus diesem endlos scheinenden Materialismus kein Entkommen gibt. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Und lässt sich das nicht auch auf die scheinbar perfekte Welt von Instagram und Co. übertragen, auf der wir mit einer perfekten Welt voller Markenklamotten, teuren Autos und erlebnisreichen Reisen konfrontiert sind? Eine oberflächliche Welt aus der es kein Entrinnen gibt; das reflektiert der Film damals wie heute. Bateman ist dabei sinnbildlich für das Leiden in dieser Oberflächlichkeit und Ignoranz. Er fasst sich selbst als Objekt auf, das man stets optimieren kann. Kurz gefasst: ein Produkt der Gesellschaft.

[…] Aber selbst nachdem ich das zugebe, gibt es keine Katharsis. Meine Bestrafung entzieht sich mir weiterhin und ich komme zu keinen tieferen Einsichten über mich selbst. Aus meinem Erzählen kann kein neues Wissen herausgeholt werden. Dieses Geständnis war völlig bedeutungslos.“

 

Titelbild: © Universal Studios 

Elena

Film-Nerd, Expertin für Organisation und Bezwingerin des Ödlandes. Ansonsten Studentin und auch noch als Lektorin und Redakteurin am Start – Huch, ganz schön taff!
Elena