Das plötzliche Aus von Telltale Games

Wenn ein beliebter Entwickler überraschend seine Pforten schließt, bleiben Frage offen.

Und plötzlich hieß es Ende im Gelände und Entwickler Telltale Games muss wohl dicht machen. Wobei es sicherlich nicht vollkommen überraschend war, finanzielle Schwierigkeiten um das Studio waren schon länger bekannt, bereits 2017 mussten ca. 90 Mitarbeiter entlassen werden. Dennoch rechnete wohl keiner mit dem plötzlichen Ende des Entwicklers. Fast alle der ca. 250 Mitarbeiter wurden entlassen, lediglich ein Kernteam aus 25 Angestellten soll sich weiterhin um die Verpflichtungen gegenüber dem Vorstand und diversen Partnern kümmern. Die plötzlich arbeitslosen Telltale-Mitarbeiter sollen zudem keinerlei Abfindung erhalten haben, weshalb sich diese nun auch mit einer Sammelklage gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber richten. Kurzum; Es sieht wirklich verdammt düster für Telltale Games aus.

Was passiert mit angekündigten Spielen?

Die Frage, was nun mit angekündigten und in der Entwicklung befindlichen Projekten passiert, stand natürlich beständig im Raum und in den letzten Tagen gab es diesbezüglich immer wieder neue Meldungen. Für The Walking Dead: The Final Season fand ein Verkaufstop statt, da nicht sicher ist, ob oder wie die Season fertiggestellt werden kann. Für das angekündigte The Wolf Among Us 2 sieht es noch schlechter aus. Der geplante Ableger von Stranger Things soll währenddessen von einem anderen Entwickler realisiert werden, wie Rechteinhaber Netflix angab. So oder wird es sicherlich noch einige Monate brauchen, bis wirklich Gewissheit über die Zukunft der Titel herrscht, die Telltale Games eigentlich realisieren wollten.

Was war die Ursache?

Doch wie konnte sich die finanzielle Situation um Telltale Games so zuspitzen? Auf Twitter veröffentlichte man folgendes Statement:

Es war ein unglaublich schweres Jahr für Telltale, da wir daran gearbeitet haben, die Firma auf einen neuen Kurs zu bringen. Unglücklicherweise ging uns die Zeit aus, um alles umsetzen zu können. Wir haben einige unserer besten Inhalte in diesem Jahr veröffentlicht und haben jede Menge positives Feedback erhalten. Aber am Ende hat sich dies nicht in den Verkäufen niedergeschlagen. Mit schwerem Herzen schauen wir heute unseren Freunden zu, wie sie unsere Marke und unsere Geschichte in der ganzen Games-Industrie verbreiten.“

Wie kam es zur finanziellen Schieflage?

Natürlich bleibt es Spekulation, aber einige Faktoren waren sicherlich alles andere als förderlich für Telltale Games. Nachdem man mit The Walking Dead – Episode 1-5 einen gewissen Durchbruch erlangte, änderte man deutlich zu wenig am Konzept der Spiele, aber auch an der Vermarktung. Die folgenden Spiele des Entwicklers, und es gab rückblickend wirklich viele davon, boten kaum Gameplay, sondern gestalteten sich immer als interaktive Geschichten, die zwar gut geschrieben, aber neben Quick-Time-Events und die Möglichkeit gewisse Entscheidungen zu treffen, kein wirkliches Gameplay bieten konnten. Weiterhin war die Tragweite der Entscheidungen meist eher marginal, sodass man zwar eine Entscheidung traf, diese aber selten am eigentlichen Verlauf der Handlung etwas änderten. Auch technisch blieb man weitestgehend auf einem beständigen Niveau, was über die Jahre immer wieder Kritik der Spieler einbrachte.

Um das Fehlen von wirklichem Gameplay zu „überdecken“, so will ich es an dieser Stell formulieren, setzte man auf Lizenzen, um seine Geschichten zu erzählen: The Walking Dead, Game Of Thrones, Batman, Minecraft, Guardians of the Galaxy und einige mehr. Dass solche Lizenzen teuer sind, ist kein Geheimnis und letztlich werden die Verkaufszahlen sich in keiner Weise mehr mit diesen Lizenzkosten gedeckt haben. Man muss sich bewusst machen, dass Telltale trotz der allgemeinen Beliebtheit letztlich einen Nischenmarkt bediente und eben nicht Spiele wie Battlefield oder Call of Duty veröffentlichte, welche Jahre ohne Innovation allein mit dem großen Namen fortbestehen können. Ein weiteres Problem, welches Telltale in meinen Augen klar geschadet hat, war das Festhalten am Episoden-Modell ihrer Spiele. Statt ein fertiges Spiel auf den Markt zu werfen, entschied man sich konsequent dafür, die Spiele in einzelnen Episoden zu veröffentlichen. Was bei The Walking Dead noch Sinn machte, immerhin war Telltale Games zu diesem Zeitpunkt ein relativ kleines Studio, sorgte es später dafür, dass Spieler mit dem Kauf eines neuen Spiels solange warteten, bis alle Episoden veröffentlicht waren (zumindest ging es mir so). Auch war der Preis für einzelne Episoden oft zu hoch, wenn man die Spielzeit dieser in Relation zum Preis setzte, weshalb die Komplettpakete oft vergünstigt oder im Sale angeboten wurden. Letztlich sorgte die Veröffentlichung der Titel in Episoden-Form auch dafür, dass man eine Reihe aus den Augen verlor, weil es viele Monate nach Erstveröffentlichung dauerte, bis diese endlich komplett waren.

Fazit

In meinen Augen hat man hier zu lange an eingefahrenen Konzepten festgehalten, die sich nicht rentierten und langfristig zum Aus des Entwickler-Studios führen mussten. Ehrlich gesagt war ich überrascht, wie viele Titel von Telltale Games in den letzten Jahren an mir vorübergegangen sind. Auch die Eigenvermarktung scheint nicht optimal gelaufen zu sein, immerhin bin ich in Sachen „Videospiele” ja eigentlich immer (mehr oder weniger) auf einem aktuellen Stand. Bereits 2017 gab es den letzten Warnschuss, nur scheinbar zog man daraus nicht die richtigen Konsequenzen, nun ist es zu spät und mit der plötzlichen Entlassung der meisten Mitarbeiter hat meine eine Situation geschaffen, die Telltale Games in ein bedrückendes Licht rücken lässt. Hier geriet man unter die Räder, weil man scheinbar nicht fähig war, sich weiterzuentwickeln.

Ich werden den weiteren Verlauf natürlich im Auge behalten und mich sicherlich noch mal zu Wort melden, sobald sich wieder ein paar Neuigkeiten zu diesem Thema angesammelt haben.

Johann von Ti
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Johann von Ti

Blogger aus Leidenschaft, seit 2011 aktiv in der Szene unterwegs und immer für gute Games, Filme und blöde Ideen zu haben. Nebenher auch noch Student in Medien und Geschichte.
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