Interaktive Filme und Serien – Leitet Bandersnatch die Zukunft des Fernsehens ein?

Bestimmen wir in Zukunft selbst, wie ein Film ausgeht oder bleibt der interaktive Film eine Ausnahme?

Unsere Unterhaltungslandschaft wird seit vielen Jahren immer stärker von Videospielen beeinflusst und geprägt. Längst sind Videospiele fest in unserer popkulturellen Unterhaltungsindustrie verankert und machen sich bemerkbar. Ich spekulierte schon von einiger Zeit, dass der Schritt zu interaktiven Filmen kommen würde, wobei ich damals vor allem an die Entwicklungen der virtuellen Realität dachte. Doch auch ohne VR sind interaktive Filme und Serien mittlerweile Realität geworden und gehen, in gewisser Weise, einen weiteren Schritt in Richtung eines neuen Zeitalters der Fernseh-Unterhaltung.

Kein gänzlich neues Konzept

Die Idee eines interaktiven Mediums ist keinesfalls neu; Bereits in Buchform, in sogenannten Spielbüchern, wurde dem Leser die Wahl gelassen, wie eine Geschichte weitergehen soll. Auch das Improvisationstheater lebt davon, dass die Zuschauer zum Geschehen beitragen. Und ansonsten sind es eben die Videospiele, welche genau das, also Interaktion, seit jeher bieten. Auch sonst gab es schon einige Unterhaltungsformate im TV, die in gewisser Weise Interaktion boten. Man denke hier an Domian mit seinem Telefon-Talk-Format, oder auch diverse Show-Formate, in welchen die Zuschauer zur Abstimmung aufgerufen werden (hier mal DSDS oder das Dschungel-Camp genannt). Und selbst Film und Videospiel sind bereits alte bekannte. Mit den FMV-Games (Full Motion Video-Games) gab es vor allem in den 90ern recht viele Games, die auf gefilmte Sequenzen setzten (zum Beispiel bei dem Akte-X-Spiel The X-Files Game).

X-Files - FMV-Games

Schon 1998 erschien mit The X-Files Game bereits ein interaktiver Film, welcher auf der TV-Serie Akte-X basierte und eine eigene Handlung erzählte.

Bestimmen, wie es weiter geht

Dennoch setzten sich die FMV-Games nie durch und das Genre starb zunächst aus. Darum sind wir heute, im klassischen Film, lediglich“ der Zuschauer und müssen zusehen, wie zum Beispiel in Horror-Filmen die dümmsten Entscheidungen getroffen werden (Da ist ein Kettensägen-schwingender Mörder, wir sollten uns aufteilen!). Wie oft hätte man sich wohl in diversen Filmen und Serien gewünscht, dass sich die Protagonisten anders entschieden hätten, die Handlung einen ganz anderen Verlauf nehmen würde.

Genau diese Möglichkeit, die Handlung zu verändern, den Verlauf einer Geschichte in gewisser Weise zu lenken, sollen uns interaktive Filme und Serien bieten. Der Streaming-Anbieter Netflix leistet aktuell wichtige Pionierarbeit und bietet erste Formate, die sich zunächst vor allem an das jüngere Publikum wandten, darunter mit Projekten wie Minecraft: Story Mode. Dabei handelt es sich um ein ab 2015 in Episoden veröffentlichtes Point-and-Click-Videospiel, welches 2018 auch, mit einigen Abstrichen im Umfang der Interaktionen, auf Netflix veröffentlicht wurde. Doch mit der interaktiven Black Mirror Folge „Bandersnatch wagt man sich nun auch an ein älteres Publikum.

Minecraf - Story Mode - Interaktive Serie auf Netflix

Mit Minecraft: Story Mode erschien, grob gesagt, ein Videospiel auf Netflix. Die Netflix-Version wurde dabei stark im „Gameplay“ beschnitten und somit deutlich entschleunigt, bietet aber immer noch Wahlmöglichkeiten und somit ein interaktives Serien-Erlebnis. Bleibt aber in Sachen Komplexität weit hinter Bandersnatch zurück.

Bandersnatch setzt neue Maßstäbe

In Bandersnatch wird die Geschichte eines jungen Videospiel-Entwicklers erzählt, der langsam dem Wahnsinn verfällt und an seiner Entscheidungsfreiheit zweifelt. Damit wird, direkt auf mehreren Ebenen, die eigene Idee des interaktiven Films, verarbeitet, weil es selbst in der Handlung thematisiert wird. Ein guter Ansatz, der hier auch interessant umgesetzt wurde. Die Folge beginnt und wir dürfen ab und an Entscheidungen treffen; Welches Frühstücksflocken wollen wir essen, welche Musik hören wir im Bus. Im weiteren Verlauf gewinnen die Entscheidungen jedoch durchaus an Dramatik, sodass das schauen… oder spielen der Folge durchaus zu einer Erfahrung wird (eine Review folgt).

Die Möglichkeiten bleiben beschränkt

Dennoch wird deutlich, wo die Grenzen eines solchen Konzeptes liegen; Denn die Entscheidungsfreiheit kann natürlich nur im Rahmen der gebotenen Möglichkeiten verortet werden. Das ist in Videospielen nicht anders, dort ist nur das möglich, wofür die Entwickler die Bedingungen geschaffen haben. Nur sind die Möglichkeiten von Videospielen, solche interaktiven, virtuellen „Welten“ zu schaffen, deutlich umfangreicher. Ein Film, oder eine Serie, wird massivst von ihrer Produktion selbst beschränkt. Jede Entscheidung, die wir in einem interaktiven Film treffen, muss ja zuvor produziert, gefilmt werden. Je mehr Entscheidungen getroffen werden, desto mehr unterschiedliche Handlungsstränge tun sich auf, sodass der Aufwand enorm ansteigt. Daher bietet Bandersnatch zwar durchaus eine Menge Optionen, jedoch bleiben diese in gewisser Weise beschränkt. Man bemerkt hier recht schnell die Grenzen der versuchten Illusion der Entscheidungsfreiheit. Zwar wird selbst das in Bandersnatch aufgegriffen, aber funktioniert dies nur, weil die Folge eben das Konzept eines interaktiven Films selbst bedient und in der eigenen Handlung aufgreift. Ein anderes Szenario würde hier viel deutlicher ins Straucheln geraten. Aber auch aus Kostengründen würde ich vermuten, dass interaktive Filme auch zukünftig eher die Ausnahme bilden werden.

Interaktive Filme eine Revolution?

Dennoch ist die Idee großartig und ich kann die Versuchung verstehen, nach dem „Schauen“ von Bandersnatch von einer Revolution in der Unterhaltungsindustrie zu sprechen. Immerhin können wir den Verlauf eines Films bestimmen, werden direkt mit unserer Entscheidungen konfrontiert und quasi gezwungen, uns mit den Folgen auseinanderzusetzen. Das Problem dabei ist; Dieses Konzept wird bereits bedient – Von Videospielen. Und zwar in einem Umfang, der deutlich mehr an Interaktion zu bieten hat, was ja das Argument dieser „neuen“ Form der Unterhaltung ist.

Einer meiner größten Kritikpunkte der Telltale GamesSpiele war die Tatsache, dass sich diese wie interaktive Filme anfühlten. Das heißt, die Interaktionsmöglichkeiten, das Gameplay war zu stark beschränkt, um eine gute Spielerfahrung zu bieten. Nun ist ein interaktiver Film eben kein Videospiel… wobei die Grenzen eben genau an dieser Stelle verschwimmen. Und hier bleibt die Frage, welchen Maßstab man nun anlegen will oder wie man diese Mischform bewertet. Und dann sind wir wieder beim persönlichen Geschmack angekommen, über welchen sich nur bedingt diskutieren lässt.

Bandersnatch war definitiv eine interessante Erfahrung und hat nun einen guten Maßstab für zukünftige interaktive Serien und Filme gesetzt. Dennoch sollte hier nicht von Revolution gesprochen werden, sondern eher von weiteren Verschmelzung-Erscheinungen bekannter Unterhaltungsformen, welche Interaktivität in den Fokus rücken. Das Konzept für sich ist keinesfalls ein „Heilsbringer“, bietet jedoch für Filmemacher neue Möglichkeiten, Ideen und Konzepte umzusetzen. Wir sind also mitten im 21. Jahrhundert und es bleibt spannend, wie sich unsere Welt weiter verändern wird.

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Johann von Ti

Blogger aus Leidenschaft, seit 2011 aktiv in der Szene unterwegs und immer für gute Games, Filme und blöde Ideen zu haben. Nebenher auch noch Student in Medien und Geschichte.
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