Wie viel Sinn machen Indizierungen von Videospielen

Der Zensurwahn in Deutschland – Welchen Sinn hat das und sollte man es beibehalten?

Die Meldung geht momentan umher: Resident Evil 4 ist nun offiziell nicht mehr indiziert, darf also nun auch ungeschnitten in Deutschland vertrieben werden. Eine wahre Leistung für ein Spiel aus dem Jahre 2005. Doch bei der Meldung geht mir viel mehr durch den Kopf als die „Freude“, dass ein alter Titel nun endlich „normal“ verkauft werden darf. Viel mehr fühle ich mich schon fast genötigt, die Sinnhaftigkeit von Indizierungen in Videospielen zu hinterfragen, die in Deutschland auf Basis von zwei recht schwammigen Bedingungen beschlossen werden. Diese sehen für Medien aller Art vor, dass diese immer dann indiziert, also „verboten“ werden, wenn entweder:

  • die offensichtlich geeignet sind, die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit schwer zu gefährden
    und/oder
  • die besonders realistische, grausame und reißerische Darstellungen selbstzweckhafter Gewalt beinhalten, die das Geschehen beherrschen

Jetzt bleibt natürlich offen, was unter diese Kategorien fällt, die „Jugend“ also so massiv „gefährdet“, dass man es in Deutschland nicht bewerben, anbieten oder einführen darf. Für diese Aufgaben haben wir in Deutschland natürlich eine Prüfstelle, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), welche den medialen Jugendschutz aufrechterhalten sollen und deshalb bestimmte Filme und Spiele Indizieren. Ob ein Spiel bei der BPjM landet, wird entweder sofort entschieden, wenn das Medium schon direkt besonders „brutal“ oder „Menschenverachtend“ ist, oder wird von der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) eingeschickt, wenn diese sich unsicher sind, ob das Spiel mit USK 18 veröffentlicht werden kann, oder eben doch indiziert werden muss.

Resident Evil 4 - Bald Uncut -Zensur von Games in Deutschland

Bald rollen also auch in Resi 4 Köpfe – Ganz ohne Zensur.

Ohne Sinn und Verstand?

Jetzt stellt sich mir, mittlerweile fast 20 Jahre jung, die Frage, welchen Sinn Indizierungen haben. Ich gehe voll mit, wenn es darum geht die Jugend, also jüngere Spieler, vor bestimmten Inhalten in Spiele zu schützen. Nicht umsonst gibt es die USK – Und das ist auch nicht so schlecht. Natürlich gebe ich zu, dass ich mich als Jugendlicher nicht wirklich an diese Bestimmungen gehalten habe (wer hat das schon?) und natürlich schon mit 14 – 15 Jahren Shooter ab 18 gespielt. Hat mir das die Zukunft verbaut? Bin ich jetzt sozial inkompetent oder irgendwie beeinträchtigt? Ich denke nicht – Dennoch waren Spiele ab 18 trotzdem Spiele ab 18 und an „richtige“ Horror Games wie Dead Space habe ich mich damals auch nur mit echtem Grusel herangetraut. Das war dann auch wirklich gruselig, aber nicht traumatisch. Doch das hängt natürlich von den Persönlichkeiten der „jungen Spieler“ selbst ab, das sehe ich sehr wohl ein. Deshalb ist die USK eine gute Sache und da gibt es nichts zu meckern.

Wozu gibt es Spiele ohne Jugendfreigabe?

Doch warum werden Spiele indiziert, wenn sie doch gar nicht für Jugendliche gedacht sind, diese also gar nicht erreichen sollten? Denn manchen wir uns nichts vor: Filme mit brachialen Themen und Gewaltdarstellung werden, auch abseits des großen Hollywood-Kinos, in „künstlerischen“ Produktionen aufgefahren und begeistern Kritiker. Dabei wird dann oft von „Kunst“ gesprochen, Filmen eine Aussage unterstellt, die am Ende irgendwie lehrreich erscheint – damit gut und wertvoll sind. Gleiches gilt für Bücher – Schlimmste Psychothriller erfreuen sich auf dem Weltmark und eben auch in unseren Buchhandlungen größter Beleibtheit, warum wird also das Medium der Videospiele so massiv beschränkt, während überall sonst die Freiheit der „Kunst“ herrscht?

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Spiele wie The Forst sind sicher nichts für Kinder, aber ich habe Spaß am Spiel.

In Ordnung, zunächst muss man den Behörden rund um die Zensur von Games zugute halten – Unsere Richtlinien werden lockerer, nicht umsonst landen nur noch wenige Titel auf dem berühmten Listen, werden Indiziert. Und auch andere Medien werden, wie Videospiele indiziert, nur dass es uns weniger auffällt. Doch warum macht man das? Denn ein Spiel ohne Jungendfreigabe wird nicht an jugendliche verkauft, und wenn doch, ist genau dieser Umstand eben nichts rechtens, doch kann der Inhalt des Mediums nichts dafür. Drückt man sich an dieser Stelle also vor der Verantwortung? Doch ist das sinnvoll, wenn man in der Buchhandlung die schlimmsten „Mord und Foltergeschichten“ jederzeit kaufen kann, wenn man denn wollte? Reduziert man Videospiele hier auf die Jugendliche Zielgruppe und lässt erwachsene Spieler aus? Denn ich denke schon, dass ich sehr gut mit der Gewaltdarstellung in Spielen umgehen kann, besonders weil ich mir sehr bewusst bin, dass es ein Spiel ist. Mich persönlich würde ein Buch mit dieser Thematik viel mehr zusetzen, weil mir das Lesen näher geht, als das Spielen, weil ich hier die Kontrolle abgebe. Warum also diese Entscheidung?

Klare Grenzen für Extremfälle

Denn ich glaube nicht, dass ein Staat Einfluss auf die Spiele nehmen sollte, die ich konsumiere. Das geht mir zu weit, diese Zensur ist für mich auch kaum logisch. Ich bin mir bewusst, dass es manche Spiele gibt, die weitab des eigentlichen Marktes nur schockieren wollen, gleiches Phänomene haben wir in allen anderen Künsten dieser Welt. Ob brachiales Gedicht, schlimmer Splatter Streifen oder vulgäre Musik mit harten Texten. Alles an der Grenze des Zumutbaren. Und in Extremfällen, bin ich sogar für die Indizierung – Auch bei Videospielen. Doch diese Grenzen müssen viel klarer gesetzt und tatsächlich an Extrema angepasst werden. Denn wenn man sich die Liste der indizierten Spiele anschaut, könnte einem schlecht werden. Warum wurde Resident Evil 4 damals indiziert? Gewaltdarstellung ist eines der wichtigsten Kriterien für uns in Deutschland, andere Länder legen auf andere Inhalte wert. Während die Amerikaner extrem Prüde auf sexuelle Inhalte reagieren, werden „Drogen“ in Spielen in Brasilien stark unter Beschuss. Ähnliche Debatten tauchen Weltweit zu den Themen Alkohol, Gewalt und Drogen auf. Bei uns ist es immer noch die Darstellung von Gewalt und, wie immer in Deutschland, die Darstellung bzw. Beschäftigung mit den Inhalten unserer Vergangenheit. In WW2 Shootern müssen Verfassungsfeindliche Symbole wie das Hakenkreuz zensiert werden.

Filme und Bücher machen es doch auch!

Das dumme daran: Historische Spielfilme dürfen das Zeichen darstellen, weil eine historisch korrekte Darstellung gelingen soll. Doch gilt das für diverse Spiele nicht auch? Natürlich will ich nicht für Hakenkreuze in Videospielen kämpfen, das interessiert mich am Spiel nicht und ich bin froh, wenn ich dieses Symbol nicht zu oft sehen muss (leider geht der Trend in Deutschland als auch der Welt wieder in eine völlig rechte, falsche Richtung), aber ist das nicht gleichzeitig ziemlich lachhaft, dass man einem Film die Darstellung erlaubt, einem Videospiel aber in jedem Falle verbietet? Die Darstellung von Gewalt ist die gleiche Geschichte: In Filmen dürfen Liter von Kunstblut vergossen werden, während man in Spielen auf solche Inhalte lieber verzichten soll. Das einzige Argument, was mir im diesem Zusammenhang für diese differenzierte Haltung einfällt, wäre die Tatsache, dass man in Videospielen aktiv handelt, während man eine Film nur schaut. Wir sehen also, wie jemand kaltblütig ermordet wird, machen es aber im Film nicht selbst. Doch macht man das in Spielen wirklich selbst? Wenn ich an schlimme Gewaltdarstellungen in Spielen denke, auch bei Titeln, die eigentlich indiziert sind, ist man entweder Opfer von Monstern, übt diese Gewalt also nicht selbst aus, oder schlachtet Zombies und andere Gegner ab, die alles andere als wehr- oder schutzlos sind. Am Ende tötet man auch niemanden, sondern haut Pixel kaputt. Das ganze ist ein Spiel. Keiner würde auf die Idee kommen, die Darsteller einer historischen Schlacht als Mörder zu beschimpfen, obwohl sie genau das nachstellen, aktiv das Töten nachstellen. Und selbst wenn man in einem Spiel einen Menschen „erschießt“, so ist es eben kein Mensch und man tötet ihn auch nicht. Man erfüllt eine Aufgabe in einem bestimmten Setting. Das stumpft in meine Augen auch nicht wirklich ab, denn ganz ehrlich: Wer von uns Gamer würde sich nach einer Runde Call of Duty auch nur in einen echten Faustkampf stürzen? Ich nicht. Und da bin ich nicht alleine.

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Wenn es im Film geht, sollte es in Spielen kein Problem sein.

Probleme liegen an anderen Stellen

Denn wie naiv ist es, das Ausüben von Gewalt oder die Ausprägung einer rechten Gesinnung Videospielen zuzuschreiben – Das ist doch das Verkennen von allen anderen Einflüssen, welchen Junge Menschen ausgesetzt sind. Die wichtigsten sind die Eltern selbst, welche durch Liebe und Nähe, als auch eine bestimmten Erziehung maßgeblich die Entwicklung eines Menschen, eines Kindes beeinflussen. Kein Spiel vermag solchen Einfluss auszuüben oder dazu anzustacheln, höchstens bereits vorhandene Probleme zu beeinflussen, aber selbst da würde ich eine aktiv negative Einflussnahme absprechen. Und warum wird dann ein Dying Light indiziert? Zombies werden hier in Nahkampf besonders effektvoll auseinandergehauen, doch ist das Grund zur Indizierung? Ist das Sinnvoll, wenn alle paar Monate neue Folgen von The Walking Dead in TV erscheinen? Glaubt man, dass 18 Jährige Spieler nicht mit dieser Gewaltdarstellung umgehen könnten, während der Rest der Welt munter spielt? Immerhin ist in Österreich noch nichts dergleichen passiert, oder haben wir den Rechtsruck unserer Nachbar den bösen Zombie-Spielen zu verdanken?!

Fazit

Ihr merkt schon, dieses Thema ist ziemlich undurchsichtig und die Regelungen machen wenig Sinn. Der Schutz der Jugend ist wichtig, doch dass Erwachsene dann ebenso beeinträchtigt werden, während andere Medien wie Film und Bücher viel freier daherkommen, ist nicht nur ungerecht, sondern auch völlig von jedem Sinn befreit. Besonders wenn man bedenkt, dass die Indizierung in der digitalen Welt wenig Bedeutung für Nutzer hat, die tatsächlich nicht auf das Spiel verzichten wollen. Da wird dann eben in Österreich bestellt oder mit bestimmten Verfahren über digitale Shops eingekauft. Einige werden in diesem Zusammenhang auch auf Cracks zurückgreifen. Eine Indizierung sollte in meinen Augen in Zukunft ein letztes Mittel sein, um wirklich gefährliche Inhalte zu verbieten, wenn es nicht anders geht. Keine Ahnung, wenn man in dem Spiel Kinder töten muss oder so was. Doch die momentane Lösung bzw. der Umgang damit ist nicht mehr Zeitgemäß, im Grunde Rückständig. Jeder sollte selbst entscheiden, welche Inhalte er sich als Erwachsene zuführt, und welche er von sich weist, nicht eine Institution, deren Entscheidungen wenig nachvollziehbar und zuweilen von eine Doppelmoral geprägt sind.

Johann von Ti
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Johann von Ti

Blogger aus Leidenschaft, seit 2011 aktiv in der Szene unterwegs und immer für gute Games, Filme und blöde Ideen zu haben. Nebenher auch noch Student in Medien und Geschichte.
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